Folge 4 · Roman

Der zweite Tab

Um neun Uhr achtzehn öffnete Leon das Fenster.

Um neun Uhr neunzehn schloss er es wieder.

Unter seinem Büro standen zwei Menschen mit Zigaretten. Einer hatte sich so hingestellt, dass sein Rauch direkt an der Hauswand hochzog. Im ersten Stock kam er noch erstaunlich gut an.

Leon schloss auch die Tür. Die Luft blieb, was sie war. Nur wärmer.

Er hatte Kopfschmerzen und die dritte Tasse Kaffee vor sich. Die Kopfschmerzen waren vermutlich nicht die Schuld des Kaffees. Der half allerdings auch nicht.

Das Angebot sollte heute raus. Gestern wäre besser gewesen.

Bracht, ein Hersteller von Ersatzteilen für Maschinen, wollte seinen Händlern einen Bestellbereich einrichten lassen. Bislang kamen die Bestellungen per Mail: manchmal eine Artikelnummer, manchmal das Foto eines kaputten Teils und die Bitte, doch bitte das richtige zu schicken. Jetzt sollte man Ersatzteile finden, auswählen und mit dem Warenwirtschaftssystem abgleichen können.

Eigentlich ein schönes Projekt. Leon konnte sich die Werkstatt vorstellen, in der jemand mit schmutzigen Händen auf einem Handy nach einer winzigen Dichtung suchte und nicht die zwanzigste E-Mail schreiben wollte.

Er arbeitete seit August in der Agentur. Er hatte an Angeboten mitgearbeitet, Kosten zusammengetragen, Protokolle geschrieben. Dieses hier durfte er zum ersten Mal weitgehend allein fertigstellen. Alex hatte ihm gesagt, dass er am Ende noch einmal drübersehen würde.

Sein Einarbeitungsplan war länger gewesen, als er erwartet hatte. Ticketsystem, Kundenablage, Zeiterfassung, Reisekosten, Datenschutz, Angebotsfreigaben, Arbeitsschutz. Dazu Termine mit Entwicklung, Service und Einkauf. Bei vielem stand inzwischen ein Häkchen, bei anderem nur ein Datum.

Die Unterlagen waren vollständig genug. Jamal hatte die Schnittstelle eingegrenzt und auf die offenen Annahmen hingewiesen. Die Aufwände waren geschätzt. Es gab einen Zeitplan, zwei Betriebsvarianten und eine interne Kalkulation mit einem Puffer, den der Kunde nicht kennen musste.

Leon hatte alles verstanden, solange die Teile einzeln vor ihm lagen.

Jetzt sollte daraus ein Angebot werden.

Er schob den Absatz über die Projektziele vor die Arbeitspakete, dann dahinter. Ein Satz über die Datenmigration gehörte an drei Stellen und an keiner sah er richtig aus. In einem älteren Angebot fand er eine wunderbare Gliederung, die beim zweiten Hinsehen zu einem ganz anderen Projekt gehörte.

Tetris für Textbausteine. Nur dass die Steine sich heute weigerten, herunterzufallen.

Um zehn schrieb Frau Bracht.

Guten Morgen, können wir heute mit Ihrem Angebot rechnen? Wir möchten die Zahlen am Montag besprechen.

Leon tippte: Ja, wir sind dran. Sie bekommen es heute.

Er überlegte, ob er lieber Alex gefragt hätte, bevor er auf Senden drückte.

Dann drückte er trotzdem.


Um zwölf Uhr siebzehn stand Leon in der Kaffeeküche.

Jemand hatte Fisch in der Mikrowelle erwärmt. Der Geruch lag noch in der Luft, obwohl das Essen längst fort war. Am kleinen Tisch am Fenster saß der Admin. Links von seiner Brotdose lag ein Buch, den Titel nach oben gedreht: Die Kunst, Post-its richtig zu kleben.

Er hatte den Deckel der Dose abgenommen und die einzelnen Teile des Mittagessens auf einer kleinen Matte vor sich aufgebaut, als gäbe es eine Reihenfolge.

Der Reis war gelb, nicht blassgelb, sondern wie etwas, das man auf einem Markt in großen Schalen verkauft. Darüber lagen Auberginen mit dunklen, fast schwarzen Rändern, knusprige Kichererbsen und Kräuter, die Leon sonst nur in den Töpfen am Supermarkteingang sah. Der Admin öffnete ein zweites Gefäß mit weißer Sauce, zog eine Zitronenspalte aus einem kleinen Fach und drückte sie über die Auberginen. Dann streute er Pistazien und Granatapfelkerne darüber.

Es roch nach Kreuzkümmel, Zitrone und etwas Geröstetem. Die Fischreste aus der Mikrowelle hatten keine Chance.

Leon hielt seine trockene Laugenstange noch in der Papiertüte.

„Moin.“

„Moin.“

„Was ist das?“

„Mittag.“

„Ich meine das da.“

Er sah auf den Teller.

„Aubergine. Reis. Rest.“

„Deine Reste sehen besser aus als mein Wochenende.“

Der Admin schob ihm das kleine Gefäß mit den Pistazien hin.

„Willst du?“

„Ich hab eine Laugenstange.“

Er betrachtete die Tüte.

„Sehe ich.“

Leon nahm drei Pistazien. Der Admin schraubte das Gefäß zu und schlug sein Buch wieder auf.

Leon tippte auf den Buchtitel.

„Die Kunst, Post-its richtig zu kleben? Lohnt sich das?“

„Bin bei Seite vier.“

„Und?“

„Es gibt ein Vorwort.“

Leon lachte. Der Admin aß weiter. Die Unterhaltung war zu Ende, ohne dass jemand sie beenden musste.

Auf dem Flur roch seine Laugenstange nach nichts.


Wieder im Büro stand der Cursor an derselben Stelle.

Leon suchte nach einer Formulierung für die Projektphasen. Dann fiel ihm der Dienst ein, mit dem er zu Hause einmal einen Urlaubsplan überarbeitet hatte. Der war danach übersichtlicher gewesen, auch wenn die Fähre noch immer nur zweimal täglich fuhr.

Er öffnete einen zweiten Tab.

Zunächst kopierte er eine neutrale Beschreibung des Vorhabens hinein. Der Dienst machte daraus ein ordentliches Stück Text mit drei Überschriften. Danach stellte er Fragen, die er schon beantwortet hatte. Wer übernahm die Inhalte? Welche Systeme waren angebunden? Welche Aufgaben lagen beim Kunden? Wie war der Zeitplan?

Die Antworten standen in seinen Dateien.

Er wählte die drei Dateien aus, in denen die Antworten standen: die Gesprächsnotizen, den technischen Entwurf und die Kalkulation.

Dann schrieb er: Mach daraus bitte einen Angebotsentwurf. Trenne Leistungen, Annahmen und offene Punkte. Zwei Betriebsvarianten. Nichts dazuerfinden.

Er klickte auf Senden.


Im Schulungsraum ließ sich die Leuchtstoffröhre an der hinteren Wand nicht ausschalten.

Der Admin setzte sich darunter. Auf den Tischen standen Wasserflaschen und einzeln verpackte Kekse. Er hatte sein Mittagessen zum Glück schon gehabt.

Die Referentin von der Informationssicherheit begann mit fünf Stichpunkten. Ein Sprachmodell machte daraus einen freundlichen Brief. Beim zweiten Versuch war der Brief noch freundlicher. Allerdings fehlte jetzt die Einschränkung, die im Ausgangstext gestanden hatte.

„Klingt gut“, sagte sie. „Ist aber nicht mehr dasselbe.“

„Kann man das mit einem besseren Prompt verhindern?“, fragte jemand.

„Manchmal. Prüfen müssen Sie trotzdem.“

Auf der nächsten Folie stand Nicht eingeben.

Darunter: Kundendaten. Gesprächsnotizen. Interne Kalkulationen. Verträge. Zugangsdaten.

Die Referentin ließ die Folie stehen.

„Das heißt nicht, dass jeder KI-Anbieter automatisch alle Eingaben zum Training verwendet. Aber bevor Sie vertrauliche Unterlagen hochladen, muss geklärt sein, ob wir das Werkzeug dafür nutzen dürfen. Ein privates Konto ist keine betriebliche Freigabe.“ 1

Ein Mann in der zweiten Reihe hob die Hand.

„Und wenn ich nur Hilfe beim Formulieren brauche?“

„Dann nehmen Sie ein dafür freigegebenes Werkzeug und nur die Informationen, die Sie dort eingeben dürfen. Für allgemeine Texte geht das. Bei Kundendokumenten schauen Sie vorher nach. Und das Ergebnis prüfen Sie, wie jeden anderen Entwurf auch.“ 2

„Dann kann ich ja gleich selbst schreiben“, sagte jemand.

„Manchmal ist das die bessere Lösung.“

Ein paar Leute lachten.

Der Admin nahm einen der Kekse. Er war an einer Ecke zerbrochen und einzeln eingeschweißt.


Leon erhielt den ersten Entwurf um kurz nach eins.

Er war gut.

Nicht bloß sprachlich glatt. Das Dokument hatte einen Anfang, der den Auftrag verständlich machte, ohne das Wort Transformation zu benutzen. Es trennte Leistungen von Annahmen, ließ die noch ungeklärte Schnittstelle offen und stellte die zwei Betriebsvarianten nebeneinander.

Er las es nicht nur, weil Alex es lesen würde. Er wollte selbst wissen, ob die Maschine etwas ausgelassen hatte.

Die Summen verglich er mit der Tabelle. Eine Zahlungsbedingung stammte offenbar aus dem alten Angebot; die entfernte er. Bei einer Arbeitspaketüberschrift klang es so, als wäre eine Datenbereinigung bereits enthalten. Das war sie nicht. Leon formulierte den Satz neu.

Er fand auch Stellen, die er gern selbst geschrieben hätte. Das war angenehm und ein wenig ärgerlich.

Dann speicherte er den Entwurf.

Um vierzehn Uhr zwölf schickte er ihn an Alex.

Ich glaube, jetzt passt es. Einmal gegenlesen?


Alex las Leons Angebot zwischen zwei Telefonaten.

Er öffnete zuerst die Kalkulation und die Leistungsübersicht, prüfte die Gesamtsumme und die Varianten, dann die im Text genannten Voraussetzungen. Eine offene Schnittstelle war als offen beschrieben. Die internen Tagessätze und Preisgrenzen standen nicht im Kundendokument.

Er änderte einen Satz über den Zeitplan, in dem aus einer geplanten Phase beinahe ein fester Starttermin geworden wäre.

Dann schickte er das Angebot an Frau Bracht. Im Anschreiben bot er an, die beiden Betriebsvarianten am Montag telefonisch durchzugehen.

Kurz darauf schrieb er Leon.

Gute Arbeit. Die Gliederung gefällt mir. Kannst du daraus eine Vorlage für ähnliche Angebote machen?

Leon las die Nachricht zweimal.

Ja, klar.

Er öffnete die gesendete Datei. Sie sah jetzt wie etwas aus, das wirklich von ihnen stammte.

Er speicherte eine Kopie im Vorlagenordner, entfernte den Kundennamen und ersetzte die Projektbeschreibung durch Platzhalter. Die Kalkulation übernahm er nicht.

Um vierzehn Uhr siebenunddreißig antwortete Frau Bracht: Vielen Dank, die Aufteilung ist hilfreich. Dann sprechen wir am Montag.

Leon stand auf und öffnete noch einmal das Fenster. Unten war niemand mehr.

Die Luft war kühl. Seine Kopfschmerzen waren nicht weg, aber wenigstens dachte er nicht mehr bei jedem Satz an sie.

Er schloss die Kalkulation, die Gesprächsnotizen und das Angebotsdokument.

Der zweite Tab war noch offen.

Hinter der Geschichte

Weiterführende Hintergründe

Fachliche Hintergründe zur erfundenen Handlung. Nicht der gute Angebotstext, sondern der Weg mit vertraulichen Unterlagen ist das Thema. Die Quellen belegen weder einen realen Vorfall noch, was der fiktive KI-Anbieter mit Leons Dateien tatsächlich getan hätte.

  1. 1. Shadow AI: Der schnelle Weg am offiziellen Prozess vorbei

    Eine Untersuchung deutscher Unternehmenspraxis beschreibt, wie Beschäftigte ohne Freigabe auf vertraute generative KI-Werkzeuge zurückgreifen. Ungeklärte Datenflüsse und plausible, aber falsche Ausgaben sind Risiken; die praktische Antwort sind verständliche Regeln und brauchbare freigegebene Alternativen. Das ist ein allgemeines Muster, keine Behauptung über Leons Arbeitgeber.

    Springer Nature · Von Schatten-IT zu Schatten-KI durch ChatGPT (2026)

  2. 2. Was vor der Eingabe sensibler Daten zu klären ist

    Die Datenschutzkonferenz erläutert die Auswahl und den Betrieb von KI-Anwendungen: Rechtsgrundlage, zulässige Daten, Rollen, Verträge und Schutzmaßnahmen müssen zur Nutzung passen. Das Entfernen eines Namens allein macht ein Dokument nicht automatisch unkritisch; auch vertrauliche Geschäftsunterlagen verlangen eine gesonderte Prüfung.

    Datenschutzkonferenz / LfD Niedersachsen · Orientierungshilfen zu KI und Datenschutz (2024/2025)

Weitere Vertiefungen

Quellen redaktionell geprüft am 05.11.2026. Rechts- und Sicherheitsfragen erfordern immer die Prüfung des konkreten Einzelfalls.